Jedes vierte Kind in Berlin bekommt eine Therapie

Die Zahl der Berliner Kinder mit auffälligen Bewegungs- und Sprachdefiziten steigt rasant. Nach Schätzungen des Verbandes der Berliner Kinderärzte bekommt bereits jedes vierte Kind zwischen zwei und sechs Jahren eine logopädische oder ergotherapeutische Behandlung verordnet, um es „schulfähig zu machen”.

Von Christoph Stollowsky 16.3.2010

Berlin - Die Zahl der Berliner Kinder mit auffälligen Bewegungs- und Sprachdefiziten steigt rasant. Nach Schätzungen des Verbandes der Berliner Kinderärzte bekommt bereits jedes vierte Kind zwischen zwei und sechs Jahren eine logopädische oder ergotherapeutische Behandlung verordnet, um es „schulfähig zu machen”. Alleine in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres bezahlten die Krankenkassen in Berlin rund 19 000 solcher Ergotherapien und 17 000 Sprachtherapien. Nach Berechnungen der Techniker-Krankenkasse haben sich die Zahlen damit seit 2005 mehr als verdoppelt.

„Wir stehen vor einem enormen Problem”, sagte am Montag der Sprecher der Berliner Kinder- und Jugendärzte, Ulrich Fegeler. Ursache ist aus seiner Sicht „die erschreckende Anregungs- und Erfahrungsarmut in vielen, vor allem sozial schwachen Familien”. Dies bestätigt auch der Beauftragte des Kinderärzteverbandes für den öffentlichen Gesundheitsdienst, Thomas Abel. Aus Bequemlichkeit werde Kindern oft viel zu wenig erzählt, es fehlten Unterhaltungen, Spiele und gemeinsame Aktivitäten wie Basteln oder Ausflüge, bei denen der Nachwuchs Fingerfertigkeit, körperliches Geschick, sprachliche und kognitive Fähigkeiten schule. „Stattdessen erschlaffen die Kinder vor dem Fernseher und der Playstation”, sagte Abel, der für den kinderärztlichen Dienst des Bezirks Mitte arbeitet. Alle Sinne würden „viel zu wenig gefordert”, ursprüngliche Erfahrungen nicht mehr ermöglicht.

Auch die Barmer Ersatzkasse (BEK) bestätigte den Trend zu „immer mehr Kindertherapien”. Allein von 2007 bis 2008 musste die BEK zwölf Prozent mehr logopädische Behandlungen und 24,6 Prozent mehr Ergotherapien bezahlen. Die Ausgaben stiegen entsprechend. Doch nach Ansicht des Verbandes der Kinderärzte sind diese Gelder „wenig effektiv eingesetzt”. Die Therapeuten könnten nicht nachhaltig helfen, sagte Ulrich Fegeler. Das Problem werde auf die Medizin abgeschoben. Vermehrte Therapien seien Ausdruck wachsender Hilflosigkeit. Stattdessen forderte Fegeler sozialpsychologische Hilfen nicht nur für einzelne Kinder, sondern für ganze Familien sowie „umfassende, wissenschaftlich aufbereitete Förderprogramme, die konsequent in allen Kitas durchgeführt werden müssen”. Diese Programme sollten die Kassen mitfinanzieren. „Das wäre eine wirksame Vorbeugung, viel Geld würde gespart. Therapien sind erheblich teurer”, erklärte Fegeler. Berlins Kindertagesstätten bemühten sich zwar schon „redlich” um Sprach- und Bewegungsförderung, sie seien aber häufig durch Personalmangel und zu große Kindergruppen überfordert. Außerdem gebe es „viel zu viele, nicht aufeinander abgestimmte Fördermaßnahmen”. Die Kinderärzte regen deshalb einen Runden Tisch von Medizinern, Erziehern und Vertretern der Krankenkassen an. Dort könne man sich austauschen und nachhaltige Maßnahmen beschließen.

Im Bezirk Mitte geschieht zurzeit das Gegenteil. Dort wurde im Januar laut Kinderarzt Thomas Abel ein erfolgreiches Hilfsprojekt für Kinder sozial schwacher Familien eingestellt. Etwa 50 Mädchen und Jungen konnten dabei einzeln und in der Gruppe turnen, ihre Konzentrationsfähigkeit trainieren, sich motorisch entwickeln und Sozialverhalten einüben. Auch die Eltern waren in das Projekt einbezogen. Aus finanziellen Gründen habe der Bezirk diese Förderung aufgegeben.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 16.03.2010)

Dr. Abel und das Therapeutenteam der Beratungsstelle für Risikokinder

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BILD vom 7.09.09 : Bezirk Mitte spart an behinderten Kindern!

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1. Was ist die Beratungsstelle für Risikokinder

Diese Einrichtung wurde 1972 in Wedding zur Nachsorge für Frühgeborene gegründet. Daher stammt der Name. Damals wurden hier die Säuglinge ärztlich untersucht und konnten Krankengymnastik erhalten Außerdem erhielten die Familien regelmäßige Beratungen.

In den achziger Jahren erhielten dann zusätzlich Kinder in Kitas nach medizinischer Notwendigkeit Physiotherapie und Ergotherapie. In der Beratungsstelle entstanden ElternKindGruppen für die ganz Kleinen. Die 3-5 jährigen konnten an einer psychmotorischen Gruppentherapie teilnehmen, später war auch eine logopädischen Behandlung möglich.

In den Neunzigern kamen die Angebote der Geburtsvorbereitung, der Rückbildungsgymnastik und schließlich auch die Musiktherapie dazu.

Nach 2000 entstanden schrittweise ähnliche Angebote speziell für Migrantinnen, auch mit Sprachmittlerinnen, und Gymnastikgruppen für Frauen aller Altersgruppen bis hin zur Beckenbodengymnastik. Dazu bauten wir eine enge Kooperation mit Quartiersmanagement, SOSKinderdorf und Volkshochschule auf.

Seit 2008 finden auch Therapien für Kinder der BerolinaSchule in Mitte statt.

Der alles verbindende Gedanke ist, für Kinder, Frauen und Familien ein umfassendes Angebot machen zu können. Es schließt ärztliche Untersuchungen der Kinder, notwendige Therapien und Beratung ein. Dieses Angebot soll auch Familien erreichen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden und die eine andere Muttersprache haben. Diese Familien erhalten hier die Hilfe und Beratung, die sie in ihrer jeweiligen Lage benötigen.

berlin.de/ba-mitte/org/gesundheitsamt/risikokinder.html
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2. Sagen Sie Ihre Meinung!

Die Beratungsstelle für Risikokinder im Bezirk Mitte soll mehr als die Hälfte ihrer Stellen verlieren (Therapeuten und Ärzte).

www.berlin.de/ba-mitte/org/gesundheitsamt/risikokinder.html

Damit ist grundsätzlich ihr Konzept der vernetzten Hilfen gefährdet. Die Beratungsstelle benötigt deshalb Hilfe und Unterstützung jeder Art.

Sie können Unterschriften zur Unterstützung sammeln. Download

Sie können dem Bürgermeister und Gesundheitsstadtrat Dr. Hanke Ihre Meinung sagen. christian.hanke@ba-mitte.verwalt-berlin.de.

Sie können die Kandidaten zur Bundestagswahl für Mitte nach ihre Meinung fragen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahlkreis_Berlin-Mitte

Sie können dem Ausschuss für Gesundheit / BVV des Bezirks Mitte Ihre Meinung dazu mitteilen. Dieser Ausschuss hat sich schon mit dem Problem beschäftigt.

sylvana.tschach@ba-mitte.verwalt-berlin.de

signe.stein@grueneberlin.de

Sie können einen Leserbrief an Ihre Zeitung schreiben. Tagespiegel, Berliner Zeitung und Junge Welt haben bereits über die geplanten Stellenstreichungen berichtet.

Der Bezirk Mitte braucht weiterhin dringend Angebote der Betreuung für entwicklungsgefährdete Kinder und ihre Familien, vor allem wenn sie in Not sind.

Der Bezirk Mitte braucht dringend Angebote der gesundheitlichen Prävention, vor allem für Frauen, auch wenn sie eine andere Muttersprache sprechen oder wenn sie schon älter sind.

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3. Integration von Migranten in Berlin Wunsch und Wirklichkeit im Bezirk Mitte.

Pressemitteilung

Als Kinder- und Jugendärzte sehen wir täglich Migrantenkinder, die massiv adipös sind, sich unsicher bewegen und nicht richtig sprechen können. Nur wenn wir gesundheitliches Wissen über die Mütter und die Großmütter in die Familien transportieren, haben wir die Chance, dieser wachsenden gesundheitlichen und sozialen Belastung etwas entgegenzusetzen, stellt Dr. Thomas Abel fest, Beauftragter für den Öffentlichen Gesundheitsdienst des Berliner Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Umso unverständlicher ist es, dass der Bezirk Mitte dieses erfolgreiche Projekt jetzt einstellen will. Es handelt sich schließlich um ein Projekt, das allen integrationspolitischen und gesundheitspolitischen Forderungen entspricht, das nach langer Aufbauarbeit von der Gruppe der muslimischen Migrantinnen akzeptiert und in Anspruch genommen wird.

Abel bezieht sich darauf, dass in Berlin mit Respekt vor der religiösen und kulturellen Prägung muslimischer Migrantinnen ein Projekt für Schwangere, junge Mütter mit ihren Kindern, für Frauen aller Altersgruppen bis über 70 Jahre aufgebaut wurde, in dessen Mittelpunkt die Emanzipation von Migrantinnen, die Gesundheitsförderung mit migrantenspezifischem Schwerpunkt und die Ansprache von Migrantinnen mit begrenzten Deutschkenntnissen steht. Dazu sind ständig eine muslimische Hebamme und muttersprachliche Sprachmittlerinnen eingebunden. Dieses Projekt entstand unter ständiger Mitarbeit von Migrantinnen und mit Beteiligung von Ärztinnen und Physiotherapeutinnen am Gesundheitsamt Mitte.

Das Projekt findet in enger Kooperation mit Einrichtungen im Bezirk wie Quartiersmanagement, Volkshochschule, Moscheevereinen, den Kiezmüttern und SOS-Kinderdorf statt. Die niedergelassenen Frauenärzte, Kinderärzte und Urologen des Bezirkes sind ebenfalls beteiligt.

Abel: 'Wir fordern deshalb von Berlin und seinen Bezirken, nicht nur über gesundheitliche und soziale Gefährdungen von Migrantenfamilien zu klagen und Abhilfe zu fordern, sondern erfolgreiche Projekte anzuerkennen und am Leben zu erhalten.'

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4. Man mag es kaum glauben

Ständig wird über die Probleme der Integration von Migranten beratschlagt, gestritten, nach Ursachen für ihr Scheitern gesucht.

Wir haben uns vor 5 Jahren auf den langen mühsamen Weg des Klinkenputzens, Kontaktsuchens und Kennenlernens gemacht.

Über langsam gewachsene Bekanntschaften und schließlich Freundschaften haben wir mit Migrantinnen für Migrantinnen und ihre Familien verschiedenste Gruppenangebote für junge Frauen vor der Geburt und nach der Geburt aufgebaut. Mit der tatkräftigen Hilfe des Quartiersmanagement Pankstraße haben wir die jungen Frauen einzeln ins Gesundheitsamt Mitte begleitet.

Dort erwarteten sie neben muttersprachlichen Sprachmittlerinnen eine türkische Krankenschwester, spezialisierte Physiotherapeutinnen und eine erfahrene Ärztin, die auf alle Fragen zu Schwangerschaft und Geburt eingingen, später zu praktischen Fragen der Kinderbetreuung, des Stillens, der Ernährung und zu gesundheitlichen Besonderheiten Auskunft gaben. Es gab viele Gelegenheiten zum Austausch eigener Erfahrungen und zur Vermittlung von praktischen Tipps für den Alltag. Da gleichzeitig eine erfahrene und qualifizierte Physiotherapeutin die Kinder hütete, konnten direkt Fragen zur Entwicklung der jungen Säuglinge geklärt werden.

Gern nahmen die Mütter dann die anschließenden Angebote für ElternKindGruppen an, die als Schwerpunkte die Bewegungs- und Sprachentwicklung von Säuglingen und Kleinkindern hatten. Gymnastikgruppen für Frauen aller Altersgruppen (bis über 70 Jahre) rundeten das Angebot ab. Zuletzt haben wir eine Gruppe für Beckenbodengymnastik ins Leben gerufen, die gerade von älteren Frauen, die viele Kinder geboren und entsprechende Beschwerden haben, in Anspruch genommen wird.

Alle diese Angebote stehen konkurrenzlos im Kiez, in der Region, im Bezirk dar. Sie werden gemeinsam mit den Quartiermanagements im Bezirk, der Volkshochschule, dem SOSKinderdorf im Bezirk und in Kooperation mit den Kiezmüttern betrieben. Die türkischen und arabischen Frauen kommen zu uns über mündliche Empfehlung aus ihrer Community, über Frauenärzte, Kinderärzte und Urologen, über die verschiedensten bezirklichen Einrichtungen. Mit Hilfe von türkischen Praktikantinnen konnten wir auch in türkische Medien unsere Informationen verbreiten und unsere Angebote bekannt machen.

Diese anfangs zarte Pflanze ist unter liebevoller Pflege aller Beteiligten zu einem kräftigen, bereits Früchte tragenden Baum herangewachsen, auf den viele mit Stolz blickten. Dieser Baum war der Beweis, dass geduldige und ausdauernde Arbeit, gegenseitige Neugierde und Aufgeschlossenheit, gegenseitiger Respekt vor religiösen und kulturellen Besonderheiten einen Weg zueinander und zu körperlicher, seelischer und sozialer Gesundheit finden lassen. Dieser Baum wird jetzt mit einem Streich abgeschlagen. Der Traum ist ausgeträumt.

Das Bezirksamt Mitte hat beschlossen 10 Therapeutenstellen im Gesundheitsamt Mitte einzusparen. Stellen, die die Grundlage für dieses Projekt bildeten.

Noch im Februar 2009 hat der rbb einen Film über unsere Arbeit gedreht. So können Sie sich selbst einen Eindruck von unseren vielfältigen familienorientierten Angeboten im Kiez machen, die so wenig der herkömmlichen Vorstellung von Arbeit in 'Amtsstuben' entsprechen:

www.rbb-online.de/himmelunderde/reportagen/eltern_unerfahren.html

Windows Media / 28 Min / 93 MB Eltern unerfahren, hilflos, überfordert ein Film von Sibylle Smolka.

Wenn Sie wollen, dass dieser Traum nicht zu Ende geht, helfen Sie uns, wo Sie können.